Frühlings-Praxis 2018

Wir sind angekommen: mitten im Frühling. Der Vitamin-D Pegel steigt, das Herz schlägt höher, die Natur platzt aus allen Nähten. Für so manch einen ist dies die schönste Jahreszeit. Es ist eine Zeit des Schaffens und der Kreativität. Sie markiert das Ende des Winterschlafs. Wir verlassen unsere Höhlen, begeben uns in die Welt, saugen das sprießende Leben, die milde Luft in uns auf.

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Die saisonale Verlagerung von innen nach außen, von Dunkel zu Licht, kalt zu warm, kann wie ein Balsam auf Körper und Seele wirken – und einen gewissen Übermut auslösen. Oft fühlen wir uns ungeduldig wie Kinder, die es kaum erwarten können, endlich wieder draußen spielen zu können. Wir wollen! Unbedingt-jetzt-und-zwar-sofort. Altes loslassen, Neues anfangen, Pläne schmieden und ohne Verzug in die Tat umsetzen. Dieser kindliche Enthusiasmus und Übereifer an sich sind wunderbar. Wäre da nicht die altbekannte Frühjahrsmüdigkeit. Frühjahrsmüdigkeit ist entschieden kontraproduktiv. Wir verstehen beim besten Willen nicht, warum wir müde sind, wenn wir doch, ja – wollen! Unbedingt-jetzt-und-zwar-sofort. Aber wir sind so müde, gar tief erschöpft. Gleichzeitig rastlos. Die Anforderungen des Frühlings können uns regelrecht überfordern. Schließlich sollte man, angesichts der lachenden Sonne voller Energie und ständig gut gelaunt sein, oder?

Der Frühling entspricht laut TCM (Traditioneller Chinesischer Medizin) der Energie unseres Leber-Meridians und dem Element Holz. Holz ist das Zeichen für Erneuerung, Auftrieb, Ausdehnung, Wachstum. Gleichsam versinnbildlicht Holz die Fähigkeit, die Verbindung zu unseren Wurzeln und unserem tiefsten Inneren nicht zu verlieren. So verbindet es die Vergangenheit mit dem, was sich in der Entstehung befindet – der Zukunft. Wie der Frühling den Winter mit dem Sommer verbindet. Die Frühjahrsmüdigkeit (in manchen Fällen auch Frühlingsdepression) zeigt sich dann, wenn wir diese Zeit des Übergangs ignorieren oder denken, sie überspringen zu müssen. Wenn wir uns so verhalten, als wären wir schon im Sommer und uns vorschnell nach Vorne, ins Außen katapultieren.

Auch wenn einem die Natur, mit ihrem plötzlichen Temperaturanstieg und dem ganzen Frühlingsgrün, die Zukunft sozusagen um die Ohren haut, ist der Frühling noch nicht die Zeit, um voll aktiv zu werden. Im Sinne der TCM sollten wir anstelle dessen: träumen. Wir sollten den Blick in den hochblauen Himmel fallen lassen und uns unseren Tagträumen hingeben. Der Frühling ist die Zeit für Pläne, Ideen und Visionen. Unser Leber-Chi hilft uns dabei, diese Pläne auszuformulieren. Das bedeutet auch, dass wir dabei flexibel bleiben sollten wie die Äste eines Baumes, und nicht die Geduld oder den Mut verlieren, wenn die Dinge mal nicht nach Plan laufen.

Eine letzte Sache: Holz lässt sich Zeit. Es wächst beständig, aber ohne Eile. Es treibt aus, bleibt dabei tief verwurzelt in seiner Erde. In den Yin-Klassen im Mai genießen wir wie immer unsere Langsamkeit und praktizieren vor Allem Haltungen, die unser Leber-Chi unterstützen. Außerdem wird es längere Meditationsphasen geben, in denen wir geistig unserem Inneren zuwenden und so frühzeitig erhitzte Frühlings-Gemüter in Balance bringen.

Meine Vinyasa-Klassen widmen sich ebenfalls dieser Thematik. Obwohl wir uns im Vinyasa Yoga kontinuierlich bewegen, können wir dies tun ohne zu hetzen. Die Praxis lehrt uns, wie wir auch mit offenen Augen, wenn der Blick nach außen gerichtet ist, die Verbindung zu dem uns innewohnenden Ruhepol nicht verlieren. Über die Bewegung und die Atmung zentrieren wir uns immer wieder. Wir üben viele Balance-Haltungen, um gleich den Bäumen Kraft und Standhaftigkeit, Flexibilität und Hingabe zu kultivieren, sowie Drehungen, die die Leber unterstützen.