Yin Stundenplan Juni 2018

Sommerpraxis

Im Juni wenden wir uns unserem Herzen zu:

6. Juni                           Eine sanft „Herz-öffnende” Yin Praxis & Herz-Meditation

13. Juni                         Kurs wird vertreten von Gabi Dan Droste

20. Juni                        Der Herz-Meridian in TCM

27. Juni                         Metta Bhavana Meditation & liebevolle Güte

Das Herz versinnbildlicht das Wesentliche der Dinge und, natürlich, die Liebe. Was seinen kulturell-symbolischen Wert angeht, übertrifft es alle anderen Organe bei weitem. Wer schonmal an Liebeskummer gelitten hat, weiß auch, dass ein zerbrochenes Herz sich alles andere als symbolisch anfühlt. Wenn einem das Herz „übergeht“, kommt etwas tief im Inneren ins Fließen und findet oft ein Ventil in Form von Tränen. Ob aus Freude, Mitgefühl, Schmerz oder Trauer, die Gefühle fließen wortwörtlich über und, für den Moment, wird man durchlässig.

Auch im Yoga gilt das Herz als emotionales Zentrum, als Quelle von Mitgefühl und Empathie. Die Praxis kann letztendlich als Versuch verstanden werden, sich seinem Herzen ganzheitlich zu öffnen. Aber was bedeutet das? Was bedeutet es, ein „offenes Herz“ zu haben? In der Asanapraxis üben wir sogenannte „Herzöffner“, Rückbeugen, die unseren Brustkorb und die Vorderseite der Wirbelsäule strecken. Aber auch jemand, der noch nie in seinem Leben eine Rückbeuge gemacht hat, kann die Praxis des Herzöffnens üben. Dazu bedarf es, einfach ausgedrückt, der Bereitschaft, sich unseren Empfindungen – also den Bewegungen des Herzens – zuzuwenden.

Das ist mal wieder leichter gesagt als getan. Denn neben Liebe, Mitgefühl und Lebensfreude tümmeln sich noch ganz andere Dinge in unseren Herzen – die dunklen Gestalten des Schmerzes, der Trauer, Wut und Gewalt. Ihnen möchten wir am liebsten nie begegnen. Wenn wir es doch tun, laufen wir weg, schreiend. Oder wir stecken den Kopf in den Sand und tun so, als gäbe es diese Herzensbewohner nicht. Um unser eigenes Leid nicht zu spüren und uns zu schützen, bauen wir immer höhere Mauern – Mauern aus Meinungen, Vorurteilen, Kritik, ständigem Tun, Konsum und Selbstverbesserungs-Strategien. Die zentrale yogische Botschaft, Gewaltlosigkeit und Liebe zu kultivieren, setzt genau hier an: in unseren Herzen und den Mauern, die es umgeben.

In diesem Sinne ist das Herz das Spiel- bzw. Kampffeld, auf dem essentielle Mächte ausgespielt werden, gute und ungute. Die Bhagavad Gita erzählt die Geschichte des Kriegers Arjuna, dessen Werte noch vor Beginn der eigentlichen Schlacht auf die Probe gestellt werden – auf der Arena seines Herzens. Bevor das Schwert gezogen wird, sieht sich Arjuna mit seinem Herzen konfrontiert: mit seiner Angst und Verwirrung, seinen Zweifeln und inneren Konflikten.

Die erste der Vier Edlen Wahrheiten aus der Lehre des Siddhartha Gautama besagt, dass das Leben leidvoll ist. Bodhichitta beschreibt die Fähigkeit, sich diesem Leid vollkommen zu öffnen. Chitta bedeutet „Geist“ und auch „Emotion“ oder „Herz“; Bodhi „erleuchtet“, „vollkommen wach“. Boddhichitta ist das vollkommen offene Herz. So verletztlich und zart wie eine offene Wunde ist dieses Herz. Diejenigen, die im Leben Boddhichitta zum Gute aller Lebewesen kultivieren, nennt man Bodhisattvas. Pema Chödrön nennt sie auch Krieger. Bodhisattvas sind mutige Menschen, Männer und Frauen, die sich ihrem eigenen Herzen stellen und ihr Leid, ihren Schmerz, ihrer Angst und Wut furchtlos ins Auge sehen. Dabei geht ist nicht darum, das Leid abzuschlachten. Bodhisattvas sind keine gewaltsamen Krieger. „Our only weapon is the weapon of gentleness“, sagt Trungpa Rinpoche. Indem wir unser eigenes Leid sanft zulassen, beginnen die Mauern um unser Herz zu brökeln und wahres Mitgefühl kann entstehen. Vielleicht kennt ihr den Satz von Leonard Cohen, der es wie immer wunderschön ausgedrückt hat: „There’s a crack in everything. That’s how the light gets in.“